Edoga Mo

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June 25, 2003
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Edoga Mo
Edoga Mo during the preparation of the installation "Nichteuklidische Kugel" © Santu Mofokeng

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Die Ariadnefäden der Weltgeschichte

Mo Edoga, in Nigeria geboren, studierte zunächst Medizin in Heidelberg, wechselte in die Neurowissenschaft sowie die Neurochirurgie und praktizierte u. a. in Johannesburg, Südafrika, bevor er sich 1988 dafür entschied, nur noch als Künstler zu arbeiten. Bekannt wurde er durch seine Plastiken aus hölzernen Fundstücken, die er zu Türmen fügt oder zu nichteuklidischen Kugeln – einem philosophischen System folgend, das aus und mit seinen Arbeiten wächst. Seit 1982 lebt Mo Edoga in Mannheim.
Die künstlerische Arbeit Mo Edogas begann mit einer Katastrophe: dem verheerenden Hochwasser von Rhein und Neckar im Jahre 1988. Edoga sammelte damals Schwemmholz und schuf daraus Skulpturen, die er mit den von ihm so genannten "Ariadnefäden der Weltgeschichte" verknüpfte. Auf der Friesenheimer Insel errichtete er später die Monumentalskulptur "Huldigung an Vater Rhein und Mutter Neckar", eine trotz ihrer Höhe von zehn Metern und ihrer Schwere von vier Tonnen fragil wirkende Skulptur aus Schwemmholz und Industriemüll, die durch Palettenbänder zusammengehalten wird. 1992 fand im Mannheimer Hafen die "Mannheimer Kugel" ihren Platz, die im Netz unter den Mannheimer Stadtansichten zu bewundern ist.

Im gleichen Jahr wurde Mo Edoga eingeladen, an der documenta IX in Kassel teilzunehmen. Am Friedrichsplatz baute er während der gesamten Zeitraums dieser renommiertesten deutschen Schau moderner Kunst hinweg am "Signalturm der Hoffnung": kontinuierlich und kommunikativ, 18 Stunden am Tag in "Marathongroßausdauer". Tag für Tag stand er – die typischen gelben Gummihandschuhe übergestülpt – am Rande des Friedrichsplatzes und baute aus Schwemmholz seinen stetig wachsenden „Signalturm der Hoffnung“. Die verwendeten Materialien, hauptsächlich Holz, wurden dabei durch Knoten so miteinander verbunden, dass ein stabiler Turm entstand. Das Gespräch mit seinem Publikum ist für Mo Edoga Teil des künstlerischen Prozesses, seine Kunst schon im Entstehen für die Öffentlichkeit gedacht. Und so stellte sich der Künstler während der documenta nahezu unaufhörlich dem Gespräch mit seinen Gästen.

1993 Jahre gab die Evangelische Akademie Bad Boll eine Skulptur bei Edoga in Auftrag: Aus dem bei Renovierungsarbeiten des Hauptgebäudes anfallenden Sperrmüll sollte er in vierzehn Tagen eine "Müll-Ikone" erschaffen. Diese Skulptur rief so heftige und ablehnende öffentliche Reaktionen hervor, dass die aus Heizkörpern, Türrahmen und Kloschüsseln gebildete Plastik schon nach einem Jahr wieder abgebaut werden musste. Eine zweite Skulptur, ebenfalls von der Akademie Bad Boll in Auftrag gegeben, aus Bruchholz und Palettenbändern zu einem haushohen Objekt namens "Bad-Boll-Werk" empor gewachsen, musste ebenfalls drei Jahre nach ihrer Errichtung wieder abgebaut werden. Diesmal weil einer der tragenden Balken durchgefault war. Auch diese Arbeit erregte leidenschaftliche Diskussionen über moderne Formen der Kunst.

Im Herbst des Jahres 1994 schuf Mo Edoga auf einem Parkplatz der Potomac Mills Mall in Washington, einer der größten Einkaufsmeilen der USA, seinen aus Schwemmholz gefügten "Tower of Potomac", dessen Entstehungsprozess in einem Video festgehalten wurde (www.pwnet.org/videos/satellite_field_trips/tower_1.htm). Der Turm besteht aus eher dünnem, langem Holz, das durch kürzere Querstreben gehalten wird, und so eine hochragende, schmale Konstruktion bildet, die an das Skelett eines Leuchtturm erinnert. Im Jahr 1996/97 entstand in Chicago sein "Shelter project II for the homeless."

Im Rahmen der Ausstellung "Heimat Kunst" des Hauses der Kulturen der Welt zeigte Mo Edoga im April 2000 seine Skulptur www.weltkugel. "Aus Treibholz, gefunden im Rhein-Neckar-Raum und in Berlin, besteht (...) die nahe gelegene Weltkugel von Mo Edoga. Die verschmitzt als ‚Heimatkunst’ bezeichnete ‚Nichteuklidische Kugel’ des in Mannheim lebenden Schwarzafrikaners ist Ökokunst und kann zugleich als Sinnbild unserer chaotisch vernetzten Globalität gesehen werden." Während der Brockhaus (17. Auflage) feststellt, dass man zu nichteuklidischen Geometrien entweder durch die Abänderung des Axiomensystems gelange oder durch eine abgeänderte Definition der Längenmessung, also durch synthetische oder analytische Manipulationen, folgt Mo Edoga seinen ganz eigenen Vorstellungen. In einem Brief beschreibt Mo Edoga die Nichteuklidie als "strategische, radikale, wenn auch permissive Ausnahme der Endmoderne und zugleich als deren Flaggschiff". ´Endmoderne´ bedeutet für ihn die Gleichsetzung von Kunst und Intellektualität in der Ökorenaissance, als welche er die Gegenwart begreift. Mo Edogas Definition der Nichteuklidie als "gerichteter Selbstentfaltung" erhebt das Chaos zum Ordnungsprinzip, sieht im Chaos den Gigantismus von Ordnung, die Geometrie der Natur.

Die Weltkugel wird in diesem System zum Emblem von Kulturvielfalt und Elementarität, die Kunst zum Brückenbildner. Die unendlich vielen Teile seiner Plastik, Fundstücke aus der Natur, geschliffen und geformt in einem ihnen fremden Element, dem Wasser, werden vernetzt durch den "Ariadnefaden" des menschlichen Geistes, der sie zu sinnvollen Gebilden ordnet, ohne ihre Herkunft zu verleugnen. Die Skurrilität und Eigenheit jedes einzelnen Teiles bleibt erhalten und trägt auf seine Art zum Ganzen des Kunstwerks bei.

Wenn Mo Edoga, wie 2001 im Rosental in Kärnten, wieder eines seiner "Rekreatate" baut, ein in die Landschaft gefügtes Bauwerk aus dem Schwemmholz der Drau, in diesem Fall einen begehbaren "Tagungsraum", dann ist diese Skulptur für den Künstler "Malerei im Realraum". Und da jedes Holzstück seine "ureigene Schicksalsform" besitzt, wird ihm der Schwemmholz-Raum zum Symbol für die vereinte, europäische Vielfalt. Die Versöhnung von Natur und "organisierender, schöpferischer Kultur" lässt die Schönheit und Hässlichkeit eines jeden Holzstücks deutlich hervortreten und macht es unabkömmlich.

Im letzten Jahr hat Mo Edoga in Hockenheim im Rahmen des Programms "Die Kunst der Verwandlung" mit Schülern gearbeitet und ein Rekreatat aus den Materialien, die in der Umgebung zu finden waren, gebaut. Während die Schüler etwas über Reststoffverwertung lernen sollen, sieht Mo Edoga hierin die "Konsolidierung des bereits von der Nichteuklidie lancierten Paradigmenwechsels von der flachen Fläche in den komplexen echtzeitgebundenen Realraum mit Kinderästhetik als Grundstock und Impulsbasis". So kritisiert er die Intellektualisierung von Kunst, die auch die Peripherie erschließendes Sehen verhindert und meint, dass "die Augen schmausen" müssten, bevor der Intellekt einsetze. Als leidenschaftlicher Künder seiner Philosophie liebt Mo Edoga die Arbeit mit Jugendlichen, die noch unverbildet auf seine Kunst, die Unmittelbarkeit des Zugangs zum Material und dessen verblüffende Möglichkeiten reagieren. Und eines steht für den ehemaligen Neurochirurgen unwiderruflich fest: "Das Plastizieren bedeutet das Hirn in die Hand zu nehmen – buchstäblich im Wortsinn".
Author: Beate-Ursula Endriss

Bio

Mo Edoga stammt aus Nigeria und lebt und arbeitet in Mannheim. Darüber hinaus veröffentlicht er keine Angaben zu seiner Person.

Works

Ausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation,
2000
2002 „Die Kunst der Verwandlung", Hockenheim 2001 "Carnica" (land-art) Schloss Rosegg, Rosental, Österreich "Kunstkoffer" (Dialog der Kulturen), Hildesheim 2000 "Heimat Kunst", Haus der Kulturen der Welt, Berlin "Sonnenkugel", Solarfestival in Heidelberg 1998 SAP Artists for Nature, Walldorf-Baden bei Mannheim Weltkongress der Mathematiker, Ludwig Erhard Haus, Berlin Vergängliche Kunst am Bau, Heidelberg 1996/1997 "Shelter Project II for the Homeless", Chicago, USA 1995 Deutscher Mathematiker Kongress, Mercator-Halle, Duisburg 1994/1995 "Tower of Potomac", Washington D.C., USA 1994 International Sculpture Conference, San Francisco, USA 1993 Goethe Institut Brasilia "Bad-Boll-Werk": zwei Plastiken für die Evangelische Akademie Bad Boll (1994 und 1996 abgebaut) 1992 "Mannheimer Kugel", Mannheim "Signalturm der Hoffnung", documenta IX, Kassel

Merits

1993 Gastprofessur der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Philosophie der Gesamthochschule Kassel

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Heimat Kunst

Kulturelle Vielfalt in Deutschland

(01 April 00 - 02 July 00)
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Edoga Mo
Preparing the "Nichteuklidische Kugel"
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Preparing the "Nichteuklidische Kugel"
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Nichteuklidische Kugel