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Geschichten, die schwer zu verstehen sind
In seinen Gemälden erzählt Cherkaoui Geschichten – das allerdings auf eine Art, die nicht leicht zu entschlüsseln ist. So bleibt ihr Inhalt trotz sprechender Titel wie „Hommage à Fatimah" oder „Les Trois Soeurs" immer ein wenig im Vagen und Assoziativen. Cherkaoui füllt die Leinwände über und über mit abstrakten Zeichen und Symbolen, die sich wie das Muster eines orientalischen Teppichs im Bild ausbreiten. Mal erscheinen diese Muster rein ornamental, mal mit Bedeutung aufgeladen, stets jedoch folgen sie einem strengen, oft symmetrischen Bildaufbau. Kreise, Kreuze, Sterne und noch etliches mehr bestimmen die Komposition – und manchmal werden daraus Augen, Münder, Gesichter, Häuser, Straßen und Landschaften, die freilich bei dem Versuch, sie genauer zu betrachten, schon im nächsten Moment wie bei einem Vexierbild wieder in der Ungegenständlichkeit verschwunden sein können.
Diese kürzelhafte, an alte Schriften oder auch an Comics gemahnende Formensprache mag mehrere Ursprünge haben. Da ist einmal die unübersehbare Reminiszenz der geometrischen, in ihrer Verknappung archaisch wirkenden Volkskunst der Berber. Es ist bekannt, dass Cherkaoui sich für deren Keramik und Tätowierkunst besonders interessierte (Cherkaouis Mutter war eine Berberin). Dieses Interesse zeigt sich auch in der Farbigkeit, in der Cherkaouis Bilder gehalten sind. Wie bei einem arabischen Kelim stechen auch hier aus den dunklen, erdigen Grundtönen Details in kräftigem Rot, Blau, Grün oder Weiß wie einzelne grelle Lichter hervor und geben ihnen einen prächtigen, festlichen Charakter.
Eine vergleichbar starke Prägung erhielt Cherkaoui in der Pariser Kunstszene der Nachkriegszeit. In ihrer reduzierten, symbolhaften Bildsprache ähneln seine Werke dem späten Surrealismus eines Malers wie zum Beispiel dem Chilenen Roberto Matta, der seit 1954 in der französischen Hauptstadt lebte. Und bisweilen drängt sich der Eindruck auf, dass die formalen Analogien sogar noch weiter in die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zurückreichen. Dann fühlt man sich angesichts der poetischen Beseeltheit dieser Malerei an das Repertoire Paul Klees erinnert, den Cherkaoui im übrigen als Künstler nachweislich sehr verehrte.
Eindeutig durch die Pariser Schule angeregt ist auch der lockere, „informelle", mit sanften Bewegungen auf den Bildträger gebrachte Farbauftrag. Fast immer erkennt man darunter noch die nackte Leinwand – zumeist grober Nessel –, was Cherkaouis Werken bei aller Düsternis der Palette eine beinahe schwebende Leichtigkeit verleiht.
Cherkaouis Werk hat früh Anerkennung gefunden. Ein Jahr nach seiner Rückkehr aus Warschau wurde ihm in Paris auf dem zehnten „Salon interministériel" die Bronzemedaille verliehen, er war regelmäßiger Teilnehmer am Salon de Mai, zahlreiche Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen folgten, darunter die Schau „20 Peintres Etrangers" im Pariser Musée de l´Art Moderne. Darüber hinaus unterrichtete er eine Zeitlang an der Technischen Hochschule in Beaumont sur Oise die Zeichenklassen. Ahmed Cherkaoui starb 1967 in Casablanca. Er wurde nur dreiunddreißig Jahre alt.
Bio
1956-1959 Grafikstudium an der École des Métiers d´Art, Paris
1959-1960 Studium an der École des Beaux Arts, Paris
1961 Studium an der Hochschule für Schöne Künste, Warschau
1962 Bronzemedaille des X. Salon Interministériel, Paris
Lehrtätigkeit an der Technischen Hochschule Beaumont sur Oise




