Das unbeständige Gedächtnis
Seit Ende der achtziger Jahre ist William Kentridge aus Johannesburg weltweit mit seinen handgezeichneten Filmen bekannt geworden. In ihnen wird die vom Bergbau zerstörte Landschaft Südafrikas zur Metapher für den Prozess von Vergessen und Erinnern in dem von Apartheid gezeichneten Land. 1992 begann Kentridge die Zusammenarbeit mit der "Handspring Puppet Company", die Theaterstoffe wie den Woyzeck, Faust oder König Ubu für einen postkolonialen Kontext bearbeitet hat.
Der Kohlestift und der Radierer sind die wichtigsten Instrumente von William Kentridge, geboren 1955, Zeichner und Regisseur aus Johannesburg. Zeichnen und auslöschen, Konturen ziehen und verwischen, Schwärze anhäufen und Helligkeiten hineinreißen: Ein ständiger Prozess der Veränderung findet auf seinen Blättern statt, aufgezeichnet von der Kamera. Einige Momente bleiben als Zeichnungen erhalten, die meisten aber sind am Ende des Herstellungsprozesses seiner Filme von 4 oder 8 Minuten Länge wieder verschwunden.
Ein Mann blickt beim Rasieren in den Spiegel und sein Gesicht rutscht ihm weg. Eine Katze verwandelt sich in ein Telefon, ein Kopf in einen Felsblock, ein Hirn in eine Höhle. Ein Mann weint und seine Tränen überfluten ein Haus und schwemmen die ganze Landschaft fort. In Röntgenbildern bewegen sich unklare Schemen und aus der Dunkelheit im Inneren des Körpers schält sich das Bild einer Straße heraus, auf der ein Unfall passierte und Tote fortgetragen werden. Halden wachsen aus der Landschaft, Leichen sickern in ihren Grund, Krater brechen plötzlich auf. Es gibt keine Bilder, auf die Verlass wäre, und die für sich allein den Status der Wahrheit beanspruchen könnten. Und dennoch drückt der filmische Prozess der ständigen Veränderung und Verwandlung die Suche danach aus. Das Unbeständige ist ein unsicherer Grund. Doch einen anderen gibt es nicht.
Mit schwarzen Kohlestrichen pflügt William Kentridge die Vergangenheit Südafrikas um. Die Schauplätze seiner Bilderzählungen liegen in der Landschaft um Johannesburg, geprägt von der Ausbeutung der Erde, von Minen, wandernden Halden, plötzlichen Brachen und der Ödnis des ersten Industriezentrums Südafrikas. "Das Zeichnen ist dabei der Struktur und Entstehung der Landschaft selbst nicht unähnlich," beschrieb Kentridge in einem Gespräch mit Okwui Enzewor (zit. nach: Enwezor, Okwui: "Wahrheit und Verantwortung. Ein Gespräch mit William Kentridge, in: Parkett 54, 1998/99). Den Vorgang der Erosion der Landschaft, in der die Spuren der Ausbeutung immer wieder verschoben und verwischt wurden, hat Kentridge in seinen bisher 9 Filmen seit 1989 in eindrückliche Bilder für die Bewegungen zwischen Vergessen und Erinnern verwandelt. Sie begleiten das Ende des Apartheidssystems, der ersten Wahlen und der Arbeit der Kommissionen für "Wahrheit und Versöhnung" mit dem Versuch, die komplexen Spannungen in einem postkolonialen Gedächtnis nachzuzeichnen.
Schon in dem ersten seiner Filme "Johannesburg, 2nd great city after Paris" (1989) entwickelte Kentridge seine beiden Figuren Felix Teitlebaum und Soho Eckstein, die er seitdem über viele Jahre verfolgt hat. Soho Eckstein, stets im Nadelstreifenanzug, ist Minenbesitzer und Baulöwe, ein Ausbeuter, der sich als Wohltäter aufspielt und in "Monument" (1990) ein Denkmal für sich selbst aufstellen will. Dass es kein gutes Ende mit ihm nimmt, ahnt man oft. Die Technik zum Beispiel, die er benutzt, wendet sich gegen ihn. In "Mine" (1991) winden sich die Papierschlangen, die mit den Börsennachrichten aus dem Ticker kommen, um ihn wie ein hybrides Ungeheuer. Er wird zu einem kranken Mann, aus dessen in Bewusstlosigkeit versunkenen Körper in "History of the Main Complaint" (1996) Bilder der Angst und Schuld aufsteigen. In "Stereoskop" (1998/99) setzen ihn blaue Linien gefangen, die aus Telefonen, Tonbändern, Überlandleitungen und Lautsprechern schießen, Wände durchschlagen und schließlich die ganze Stadt durchdringen.
Felix Teitlebaum dagegen ist nackt, einfühlsam, mitleidig, verliebt und liest eher in den Sternen ("Felix in Exile", 1994) als Börsennachrichten. Er sieht die Protestmärsche der Ausgebeuteten, er sieht die mit Leichen übersäte Landschaft, er beobachtet die Niederschlagung von Demonstrationen und Morde. Seine Position ist einsam. "Als ich mit den Filmen begann, betrachtete ich sie (Felix und Soho, d.V.) eher als Widersacher; der eine sah ein wenig wie ich aus, der andere war der typische Industrielle des deutschen Expressionismus der zwanziger Jahre. Aber dann fiel mir auf, dass er viel mehr meinem Großvater glich," beschreibt William Kentridge (ebenda). Ihr Antagonismus entspricht zwei Positionen: "Übernimm das Ruder!" und "Sei mitfühlend mit dem Leiden und dem Schmerz um dich herum." Diese beiden Haltungen könnte man, sagte William Kentridge, "als zwei Elemente südafrikanischen weißen oder jüdischen Lebens bezeichnen. Aber ich glaube, es sind viel mehr zwei Elemente meiner Wahrnehmung all dieser Dinge zusammen" (ebenda).
In früheren Gemälden von William Kentridge waren seine Handschrift und sein Bildprogramm deutlich von einer Auseinandersetzung mit dem deutschen Maler Max Beckmann geprägt. Auch das Ambiente und der Gestus der Zeichnungen sind dem Expressionismus verwandt, der schon in den zwanziger Jahren Film und bildende Kunst, vor allem in Deutschland, verband. Viele der Filmzeichnungen, - etwa von Menschenzügen, die aus der Tiefe des Bildes bedrückt nach vorne kommen, von Menschenmassen, die in einer Straßenschlucht eingeklemmt sind, und vor allem vom gefräßigen Kapitalisten Soho Eckstein – nehmen eine klassenkämpferische Bildsprache an, die traditionell linken Positionen entspricht. Aber das plakative und pathetische dieser emotional aufgeladenen Bildsprache, die für eine eindeutige Parteinahme in Anspruch genommen wurde, ist in der Verarbeitung durch Kentridge sehr gebrochen. So wie er sein alter ego zwischen Soho und Felix aufgespalten hat, pulsieren auch seine Bilder zwischen Anklage und Mitgefühl.
Bevor Kentridge mit seinen gezeichneten Filmen begann, hatte er als Art Director und Ausstatter für den Film gearbeitet und in Paris Theater studiert. Seit 1992 bringt er seine Erfahrungen mit den verschiedenen Medien in die Zusammenarbeit mit der "Handpuppet Spring Company" ein. Dort führt er Regie, entwirft Filmprojektionen für die multimedialen Bühnenbilder und hat einen Stil von großen, aus Holz geschnitzten Puppen eingeführt, die kantig und rau neben ihren Spielern auf der Bühne erscheinen. Mit allen bisherigen Inszenierungen – "Woyzeck on the Highveld" 1992, "Faustus in Africa!" (1995), "Ubu and the Truth Commission" (1997), "Ritorno d`Ulisse" (1998) und "zeno at 4am" (2001) – war er damit auch in Europa und den USA auf Tournee.
Die Stoffe aus der europäischen Literatur- und Musikgeschichte werden dabei explizit in einen postkolonialen Kontext gestellt. Nicht nur der Schauplatz verwandelt sich in eine südafrikanische Landschaft, in der der arme Woyzeck für menschenverachtende Experimente missbraucht wird oder Faust mit dem Teufel einen Pakt schließt. Kentridge befragt die Stücke vielmehr auch danach, inwieweit sie die kolonialen Herrschaftsverhältnisse ihrer Zeit reflektierten, ausblendeten und gar mittrugen. Das absurde Theater Alfred Jarrys mit König Ubu kann dabei auch zu einem Mittel werden, den realen Horror, den die Arbeit der "Wahrheits- und Versöhnungskommissionen" aussprechen muss, in erträglicher Distanz zu halten.
Kentridges Projekte vermitteln nicht nur in der Theaterarbeit zwischen verschiedenen Zeiten und historischen Ebenen. Auch das Medium der handgezeichneten Filme – eine Woche braucht er für 20 Sekunden – wurzelt in den Ungleichzeitigkeiten der Entwicklung der Moderne. Die Betonung der Handschrift in den Zeichnungen ist nicht nur für den Zeichentrickfilm ungewöhnlich sondern selbst auch für das Genre der Zeichnungen in der bildenden Kunst. Die Musik, die die Filme wie Stummfilme begleitet, erhöht ein Gefühl von Rückwärtsgewandtheit: Sie sind auf der Suche nach einer verlorenen Heimat. Zugleich aber hat Kentridge die Filme, die er mit 16mm- und 35mm-Kameras aufgenommen hat, in Videos und als Laserdisc publiziert. Ihre Aufführung im Kunstkontext entspricht einem Konzept, sich einen eigenen Ort zwischen den Zeiten und Gattungen zu suchen.
Author: Katrin Bettina Müller
Tide Table (2003) and Learning the Flute (2003)
Exhibition / Installation,
2004
Einzelausstellung, Marian Goodman Gallery, New York, USA
Ubu and the Truth Commission
Production / Performance,
2003
MIT DER HANDPUPPET SPRING COMPANY
Zeno at 4am
Production / Performance,
2003
MIT DER HANDPUPPET SPRING COMPANY
Medicine Chest
Film / TV,
2001
Hirshhorn Museum and Sculpture Garden
Exhibition / Installation,
2001
Einzelausstellung, Washington DC, USA
New Museum of Contemporary Art
Exhibition / Installation,
2001
Einzelausstellung, New York, USA
William Kentridge, Recent Editions
Exhibition / Installation,
2001
Einzelausstellung, Robert Brown Gallery, Washington DC, USA
The Short Century
Exhibition / Installation,
2001
Gruppenausstellung, Museum Villa Stuck, München + Haus der Kulturen der Welt, Berlin, Deutschland + Museum of Contemporary Art, Chicago, USA
The Self Is Something Else
Exhibition / Installation,
2000
Gruppenausstellung, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Deutschland
A Double View
Exhibition / Installation,
2000
Gruppenausstellung, Tel Aviv Museum of Art, Israel
Kwangju Biennial
Exhibition / Installation,
2000
Gruppenausstellung, Korea
3 rd Shanghai Biennial
Exhibition / Installation,
2000
Gruppenausstellung, China
7th Havanna Biennial
Exhibition / Installation,
2000
Gruppenausstellung, Kuba
Das Lied von der Erde
Exhibition / Installation,
2000
Gruppenausstellung, Museum Fridericianum, Kassel, Deutschland
Anndale Galleries
Exhibition / Installation,
2000
Einzelausstellung, Sydney, Australia
Stephen Friedman Gallery
Exhibition / Installation,
2000
Einzelausstellung, London, Great Britain
Marian Goodman Gallery
Exhibition / Installation,
2000
Einzelausstellung, New York, USA
Vertical Paintings
Exhibition / Installation,
2000
Einzelausstellung, P.S.1, New York, USA
48th Biennale Venedig
Exhibition / Installation,
1999
Gruppenausstellung, D’Apertutto, Italien
6th Biennial Istanbul
Exhibition / Installation,
1999
Gruppenausstellung, Türkei
Life Cycles
Exhibition / Installation,
1999
Gruppenausstellung, Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig, Deutschland
Kunstwelten im Dialog
Exhibition / Installation,
1999
Gruppenausstellung, Museum Ludwig, Köln, Deutschland
Tachikawa Arts Festival
Exhibition / Installation,
1999
Gruppenausstellung, Japan
Projects 68: William Kentridge
Exhibition / Installation,
1999
Einzelausstellung, Museum of Modern Art, New York, USA
Museu d’Arte Contemporani de Barcelona
Exhibition / Installation,
1999
Einzelausstellung, Spanien
Serpentine Gallery
Exhibition / Installation,
1999
Einzelausstellung, London, England
La Vielle Charité
Exhibition / Installation,
1999
Einzelausstellung, Marseille, Frankreich
Neue Galerie Graz
Exhibition / Installation,
1999
Einzelausstellung, Graz, Österreich
Marian Goodman Gallery
Exhibition / Installation,
1999
Einzelausstellung, Paris, Frankreich
Goodman Gallery
Exhibition / Installation,
1999
Einzelausstellung, Johannesburg, Südafrika
Weighing and Wanting
Film / TV,
1998
Ritorno d’Ulisse
Production / Performance,
1998
MIT DER HANDPUPPET SPRING COMPANY
Nominee for Hugo Boss Prize
Exhibition / Installation,
1998
Gruppenausstellung, Solomon R. Guggenheim Museum, New York, USA
XXIV Bienal de Sao Paulo
Exhibition / Installation,
1998
Gruppenausstellung, Brasilia
The Drawing Centre
Exhibition / Installation,
1998
Einzelausstellung, New York, USA
Museum of Contemporary Art
Exhibition / Installation,
1998
Einzelausstellung, San Diego, USA
Stephen Friedman Gallery
Exhibition / Installation,
1998
Einzelausstellung, London, England
Palais des Beaux Arts
Exhibition / Installation,
1998
Einzelausstellung, Brüssel. Belgien
Kunstverein München
Exhibition / Installation,
1998
Einzelausstellung, Deutschland
Stereoscope
Film / TV,
1998
1998-9
Ubu tells the Truth
Film / TV,
1997
Sexta Bienal de La Habana
Exhibition / Installation,
1997
Gruppenausstellung, Kuba
2nd Johannesburg Biennial
Exhibition / Installation,
1997
Gruppenausstellung, Südafrika
Applied Drawings
Exhibition / Installation,
1997
Einzelausstellung, Goodman Gallery, Johannesburg, Südafrika
History of the Main Complaint
Film / TV,
1996
10th Sydney Biennial
Exhibition / Installation,
1996
Gruppenausstellung, Australien
Colours: Art from South Africa
Exhibition / Installation,
1996
Gruppenausstellung, Haus der Kulturen der Welt, Berlin, Deutschland
Eidophusikon
Exhibition / Installation,
1996
Einzelausstellung, Annandale Galleries, Sydney, Australien
Faustus in Africa!
Production / Performance,
1995
MIT DER HANDPUPPET SPRING COMPANY
Africus 1st Johannesburg Biennial: Memory and Geography
Exhibition / Installation,
1995
Gruppenausstellung, Südafrika
4th Biennial
Exhibition / Installation,
1995
Gruppenausstellung, Istanbul, Türkei
Felix in Exile
Film / TV,
1994
Felix in Exile
Exhibition / Installation,
1994
Einzelausstellung, Goodman Gallery,Johannesburg, South Africa
45. Biennale Venedig
Exhibition / Installation,
1993
Gruppenausstellung, Italien
Ruth Bloom Gallery
Exhibition / Installation,
1993
Einzelaustellung, Los Angeles, USA
Woyzeck on the Highveld
Production / Performance,
1992
MIT DER HANDPUPPET SPRING COMPANY
Drawings for Projection
Exhibition / Installation,
1992
Einzelausstellung, Goodman Gallery, Johannesburg, Südafrika + Vanessa Devereux Gallery, London, England
Mine
Film / TV,
1991
Sobriety, Obesity & Growing Old
Film / TV,
1991
Five Gouache Collage
Exhibition / Installation,
1991
Einzelausstellung, Heads Newtown Galleries, Johannesburg, Südafrika
Monument
Film / TV,
1990
Art from South Africa
Exhibition / Installation,
1990
Gruppenausstellung, Museum of Modern Art, Oxford, England
William Kentridge: Drawings and Graphics
Exhibition / Installation,
1990
Einzelausstellung, Cassirer Fine Art, Johannesburg, Südafrika
Johannesburg, 2nd Great City After Paris
Film / TV,
1989
Responsible Hedonism
Exhibition / Installation,
1989
Einzelausstellung, Vanessa Devereux Gallery, London, England
Cassirer Fine Art
Exhibition / Installation,
1988
Einzelausstellung, Johannesburg, Südafrika
Hogarth in Johannesburg
Exhibition / Installation,
1987
Gruppenausstellung, die durch ganz Südafrika tourte
In the Heart of the Beast
Exhibition / Installation,
1987
Gruppenausstellung, Vanessa Devereux Gallery, London, England
Cassirer Fine Art
Exhibition / Installation,
1986
Einzelausstellung, Johannesburg, Südafrika
South African Arts Association
Exhibition / Installation,
1986
Einzelausstellung, Pretoria, Südafrika
Cassirer Fine Art
Exhibition / Installation,
1985
Einzelausstellung, Johannesburg, Südafrika
Domestic Scenes
Exhibition / Installation,
1981
Einzelausstellung, The Market Gallery, Johannesburg, Südafrika